Entscheide für die Nachhaltigkeit

Abbildung: «Alignment for Sustainability», Aufnahme im Roten Meer, © M. Semadeni

Einführung

Entschiede für die Nachhaltigkeit zu fällen ist anspruchsvoll, da beim Entscheiden eine übergreifende Betrachtungsweise von sich verändernden Sachverhalten in Bezug zu (Aus)Wirkungen auf die Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft zu berücksichtigen sind. Mit anderen Worten, nachhaltiges Verhalten bzw. Handeln berücksichtigt soziale, ökologische und wirtschaftliche Aspekte und zielt dabei darauf ab, Entscheidungen und Handlungen für den langfristigen Erhalt natürlicher, sozialer und wirtschaftlicher Ressourcen auszurichten und zukünftigen Generationen vergleichbare oder bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen.

Nachhaltiges Verhalten basierend auf technischem Wissen ist nur ein Baustein, um Handlungen und Prozesse anpassen zu können. Nachhaltiges Verhalten sollte als Gesamtheit der bewussten und unbewussten Entscheide und Handlungen verstanden werden, die zur Erhaltung der natürlichen und sozialen Ressourcen beitragen.

Die Entscheidung für mehr Nachhaltigkeit beginnt also auch bei sich selbst. Bei der ehrlichen Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen, sachgegebene Einschränkungen und Wünschen können Motivkonflikte entstehen, welche dem Entscheid für mehr Nachhaltigkeit im eigenen Leben entgegenwirken bzw. die Umsetzung und Verhaltensanpassungen erschweren oder gar verunmöglichen. In einer Welt, in der das Streben nach Geld, Anerkennung und Promotion oft im Vordergrund steht (Motivationstreiber), sind Zielkonflikte mit einem nachhaltigeren Verhalten bzw. Handeln im Umgang mit natürlichen Ressourcen und mit der Verantwortung gegenüber Umwelt und Gesellschaft oft zu beobachten.

Welche Anteile des nachhaltigen Verhaltens sind fremdbestimmt, welche selbstbestimmt und was meint das innere Bedürfnis dazu? Sieht man nachhaltiges Verhalten vor allem als Verzicht und als bewusste Unterordnung bzw. Unterdrückung von Gefühlen, dann wird Verhaltensanpassung über Selbstkontrolle betrieben. Die Selbstkontrolle mittels Verhaltensdisziplin führt über kurz oder lang eher zu Ablehnung und kann in Frust und Desinteresse enden. Statt sich zugunsten langfristiger Werte zu engagieren, zieht man sich zurück. Bei der Selbstregulation hingegen, geht es darum Motivation aus einer positiven Haltung zu schöpfen, die es einem ermöglicht nachhaltiges Verhalten flexibel und aus eigener Überzeugung mit positiven Gefühlen umzusetzen und so das eigene Leben im Einklang mit Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft zu gestalten.


Entscheidungen

Man kann zwischen zwei Entscheidungstypen unterscheiden; einerseits nur wissens- und faktenbasierte Entscheidungen, d.h. es gibt nur richtige oder falsche Entscheide, und andererseits Entscheide im komplexen und dynamischen Umfeld, wo richtig oder falsch kaum bestimmbar sind und sich ein guter Entscheid erst mit der Zeit als möglicherweise richtig erweist. Persönliche Entscheidungsdilemmas können durch fehlende Kohärenz zwischen unbewussten Bedürfnissen und verstandesmässig gegebenen Sachverhalten entstehen. Das Unbewusste spielt also eine wichtige Rolle, da es viele der täglichen Entscheide in Sekundenbruchteilen fällt und so das darauffolgende Verhalten bzw. die Handlungen steuert.

Nimmt man sich schwierigeren Entscheiden an, wie beispielsweise Finanzentscheide (vgl. «Gute Finanzentscheidungen», G. Adlmaier-Herbst, G. Hornig, Mit der richtigen Balance von Bauch und Verstand zu klugen Lösungen, 2004, Springer), welche im Hinblick auf Einkommen, Vermögen oder Steueroptimierung meistens rein rational gefällt werden oder häufig gar als ökonomische Dienstleistung von aussen bezogen werden, so spielen Fakten zu Wohnortwahl im Hinblick auf steuerliche Vorteile, Jobsuche mit möglichst hohem Einkommen oder der Umgang mit einem plötzlichen Jobverlust meistens die Hauptrollen. Doch auch finanzielle Abhängigkeiten, etwa innerhalb der Familie oder Partnerschaft, machen deutlich, wie stark Verantwortung und Interdependenzen in diese Entscheidungen hineinspielen. Finanzentscheide beeinflussen also nicht nur das Konto, sondern auch das Leben in seiner Gesamtheit.

Doch während beim Entscheiden finanzielle Aspekte oft im Vordergrund stehen, bleiben nicht-finanzielle Aspekte wie Beziehungen, Freundeskreis, Gesundheit, Freizeit, Sport, Kultur oder die Nähe zur Natur häufig verborgen, obwohl sie massgeblich zur Lebensqualität beitragen. Ein erfülltes Leben entsteht nicht allein durch Einkommen und Vermögen, sondern durch das Erfühlen können und den Miteinbezug innerer Bedürfnisse wie Liebe, Freiheit, Zugehörigkeit, Sinnhaftigkeit.

Deshalb stellt sich die Frage wie auch Gefühle in schwierigen Entscheidungen einbezogen werden können – im Sinne von «der Verstand liefert Fakten, aber das Herz kennt den Weg».

Oder anders gefragt: Wie kann es gelingen, persönliche Entscheide im komplexen und dynamischen Umfeld – wie beispielsweise jenes der Nachhaltigkeit – so anzugehen, dass die eigenen inneren Bedürfnisse zusammen mit den sachlichen und handlungsbezogenen Anforderungen eines «Entscheids für die Nachhaltigkeit» erfolgreich sein können.


Entscheide mit Hilfe des ‘Zürcher Ressourcen Modells’

Täglich treffen Menschen abertausende Entscheidungen; viele davon sind in Form vorgegebener Routinen automatisiert. Man kann diese täglichen Entschiede nicht jedes Mal wieder hinterfragen, aber man kann lernen, welche Entscheide einem eher guttun und welche eher nicht. Achtsamkeit gegenüber den eigenen Gefühlen kann man üben, indem man erkennt über welche somatischen Marker das Unbewusste mit dem Bewusstsein versucht zu kommunizieren; dazu später mehr.

Auch grössere persönliche Entscheide werden meist im Sinne von richtig oder falsch diskutiert, da in unserer Wissens-Kultur nur der Verstand - das Bewusstsein, die Fakten - dabei eine Rolle spielen. Man kann also rational die ‘richtige’ Entscheidung fällen, fühlt sich dabei aber unwohl – z.B. ‘mulmiges Gefühl im Bauch’ – drängt dieses Gefühl aber einfach weg. Dies führt oft dazu, dass der ‘richtige’ Entschied nicht erfolgreich umgesetzt wird. Gute Entscheidungen haben hingegen beides - das Unbewusste und den Verstand - mit ins Boot geholt.

Die ZRM-Coachingmethode - dessen Grundlage erstmals im Jahre 2002 von Maja Storch und Frank Krause veröffentlicht wurde (damals Universität Zürich) - wurde über die letzten ca. 20 Jahren kontinuierlich verfeinert (vgl. «Selbstmanagement-ressourcenorientiert», Grundlagen und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Zürcher Ressourcen Modell ZRM, 6. überarbeitet Auflage, 2017, hogrefe) und mit vielen Studien wissenschaftlich belegt (vgl. dazu auch die Publikationsseite von Institut für Selbstmanagement und Motivation, Zürich, https://ismz.ch/). Die ZRM-Coachingmethode bringt Verstand und Gefühle bei der Bearbeitung von Handlungssituationen und Entscheide über motivationspsychologische Ansätze in Einklang. Dabei lernt man die zwei Gehirn-Systeme - Unbewusstes (z.B. innere Bedürfnisse) und Verstand (Bewusstsein) - in ihrer Wechselwirkung besser zu verstehen. Aufmerksamkeit gegenüber der Kommunikationsweise des Unbewussten, welches mittels Gefühle und Bilder kommuniziert, fördert das Verstehen von sich selbst (Persönlichkeitsentwicklung).

Um sich über eigene/persönliche Ziele, Bedürfnisse und Werte im Klaren zu werden, wendet die ZRM-Coachingmethode oft sogenannte Affektbilanzen an. Eine Affektbilanz ist ein einfaches Werkzeug, welches Gefühle an der Schwelle zum Bewusstsein ‘affektiv’ auf einer ‘gefühlten’ Skala misst. Die Gefühle stammen aus sogenannten negativen und positiven somatischen Markern; das sind erfahrungs- und evolutionsbedingte Anlagen unseres Gehirns, die auch körperlich wahrnehmbare Gefühle auslöst, welche in Folge zu affektiven Reaktionen im Verhalten führen können.


Entscheidungen für mehr Nachhaltigkeit

Gefühle benennen können, überführt unbewusste Inhalte ins Bewusstsein (Versand), da das Bewusstsein über Sprache kommuniziert. Die Kopplung benennbarer Gefühle und Bilder (Imagination) mit dem im Verstand liegenden Sachverhalts und Fakten führt zu ausgewogenen Entscheidungen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit des Umsetzungserfolgs.

Die Umsetzung des Entscheids für mehr Nachhaltigkeit verbleibt insbesondere dann herausfordern, wenn das eigene Verhalten und die eigenen Routinen (Automatismen) anzupassen sind. Man könnte dies auch in Anlehnung an die Betriebswirtschaft als «Change-Management des Selbst» bezeichnen. Wie bekannt, basiert ein Change-Management in Unternehmen auf einer im Rahmen des ‘Informed Decision Making’ erarbeiteten Entscheidung, ausgewählte Strategien zusammen mit Management und Mitarbeitern umzusetzen; dennoch scheitert die Umsetzung des ‘Neuen’ und/oder der Anpassung oft. Die Gründe dafür sind vielfältig, jedoch oft gekoppelt an die Person(en), welche sich nur bedingt mit dem Entscheid persönlich und innerlich identifizieren können (vgl. dazu «Changemanagement – so klappts!», Die vier ZRM-Innovationen für den erfolgreichen Wandel, G. Adlmaier-Herbst, M. Storch, et al, 2018, hogrefe). Bei der Umsetzung von Change-Management werden unterschiedliche Modelle angewandt, wobei sie sich vor allem auf die Ergebnisebene (was ist zu erreichen) und der Verhaltenseben (wie ist es zu erreichen) fokussieren. Die Motivationskraft liegt aber weniger auf diesen beiden Ebenen, sondern auf der Haltungsebene, welche sich über die Motivation viel stärker auf die Wahrscheinlichkeit eines Umsetzungserfolgs auswirkt. Die ZRM-Coaching-methode arbeitet daher über die Haltungsebene, um Verhalten bzw. das Umsetzen von Handlungen zu unterstützen.

Neben methodischen und praktischen Erfahrungen, um ein Change-Management im Bereich Nachhaltigkeit erfolgreich umzusetzen, ist ein weiteres zentrales Element eine gute Zusammenarbeit im Team. Dabei spielen Werte, Prinzipien und die Agilität wichtige Rollen. In anderen Worten, es sind die Mindsets im Team, die mit Flexibilität und positiver Haltung – also mit Freude - an Veränderung herangehen (vgl. «Mit agilem Mindset zum Erfolg», Erfolgreiche Teamarbeit mit ZRM, R. Stopka, 2021, hogrefe). Mit Hilfe des ZRM können eigene Werte (z.B. Solidarität, Ehrlichkeit, Fairness oder Geduld, Genauigkeit, Engagement) mit den Prinzipien der Zusammenarbeit (z.B. Zielausrichtung, Kommunikation, Fehlerkultur oder Umgang mit Diversität) besser in Übereinstimmung gebracht werden, um mit einer neu-erarbeiteten Haltung Veränderungen Richtung Nachhaltigkeit anzugehen.


Schlusswort

Die meisten Menschen greifen bei wirtschaftlichen Entscheidungen auf ein einziges Kriterium zurück - das Geld. Warum soll das bei Unternehmungsentscheidungen anders sein? Auf maximalen Gewinn/Profit getrimmt und ohne Verantwortung und Kosten für dessen Auswirkungen übernehmen zu müssen (Externalisierung), ist das Entscheiden auf die Minimierung des Zeit- bzw. Entscheidungsaufwands und der Komplexität zu sehen, welches im Rahmen einer linearen, klassischen Marktwirtschaft sich damals als effizient herausstellte.

Heute erkennen viele Menschen und Unternehmen, das es um gute Entscheide und nicht um richtige oder falsche Entscheide geht. Gute Entschiede nehmen längerfristige Voraussicht, Verantwortung, und innere Werte und Bedürfnisse genauso auf wie faktenbasierte Informationen einer differenzierten Betrachtung der Nachhaltigkeit. So können sie Zielkonflikte besser vermeiden und eine erfolgreiche Umsetzung begünstigen.

Es geht grundsätzlich darum, kognitive und emotionale Prozesse nicht als Gegensätze, sondern als komplementäre Kräfte zu begreifen. Nur wenn beide Ebenen berücksichtigt werden, können Entscheidungen entstehen, die sowohl tragfähig als auch sinnstiftend sind.


Marco Semadeni, Dr. sc. nat. ETH

18. November 2025

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