Von Nachhaltigkeit zu Kreislaufwirtschaft

Mandala Kreisläufe / © M. Semadeni

Teil 1 – Kreislauf und Externalitäten

Externe Effekte unseres Wirtschaftssystems (Externalitäten) führen auf dem Weg von der Rohstoffgewinnung zu Endprodukten zu negativen sozialen und ökologischen Auswirkungen und entsprechenden ‘externen Kosten’, welche letztlich von der Gesellschaft und ihren Individuen getragen werden müssen (z.B. direkte und indirekte Kosten der Entsorgung bzw. Abfallablagerung). Solche negativen sozialen und ökologischen Auswirkungen möglichst aus dem System zu drängen (zu externalisieren), verzerrt den ‘wahren’ Wert eines Produktes. Diese Art des Wirtschaftens ist nicht mehr zeitgemäss. Externe Kosten müssen ins Wirtschaftssystem internalisiert werden, sodass die wahren Kosten eines Produktes das Konsumverhalten korrigiert. Beispielsweise müssten die Kosten generierter Abfälle über die Wertschöpfungskette ‘Rohstoff – Zwischenprodukt – Endprodukt’ sowie des Transports in die Kostenrechnung und Preisbildung miteinbezogen werden (Internalisierung externer Effekte bzw. Kosten).

In diesem Zusammenhang bezieht sich eine (Kosten)-Analyse des Endprodukts bei Produktebewertungen oft auf die Betrachtung ‘von der Wiege bis zum Grab’ (cradle-to-grave perspectives), was bedeutet, dass eine Externalität eines jeden Teilschritts der Wertschöpfungskette (z.B. Entstehung von Abfall und dessen Entsorgung) mit dem zu bewertenden Endprodukt assoziiert wird. Würde bei jeder Vergütung der Teilschritte die effektiven Kosten von Umweltauswirkungen des dabei generierten Abfalls eingerechnet, würden die Preise der Endprodukte stark ansteigen. Jene Produkte mit den geringsten Auswirkungen hätten den grössten marktwirtschaftlichen Vorteil. Der ‘wahre’ Wert eines umweltschonenden Produkts würde sich dementsprechend im günstigen Preis widerspiegeln; also gerade umgekehrt, als dass was man heute im Handel feststellt.

Werden die effektiven Kosten von Umweltauswirkungen durch Abfall im Wirtschaftssystem internalisiert, wäre die Abfallvermeidung die naheliegendste Reaktion des Wirtschaftens darauf. Im Weiteren würden Tätigkeiten wie Reparieren, anderweitig Wiederverwenden und Rezyklieren stark gefördert. Wird Abfall als sekundäre Ressource betrachtet, können sich Mechanismen entfalten, die das lineare Wirtschaften vom Rohstoff zum Endprodukt in eine Kreislaufwirtschaft transformieren. Sekundäre Rohstoffe können in einer Kreislaufwirtschaft neue Werte schaffen, welche eine zirkuläre Wertschöpfungskette mit vielen neuen Geschäftsinteraktionen bereichern. Endprodukte, welche einerseits mit wenig Abfall produziert werden können oder andererseits möglichst einfach in die zirkuläre Wertschöpfungskette Eingang finden können, wären am lukrativsten. Die (Kosten)-Analyse des Endprodukts bei Produktebewertungen würde nun auf die Betrachtung ‘von der Wiege zurück zur Wiege’ (cradle-to-cradle perspective) umgestellt werden, vgl. entsprechendes Zertifizierungssystem der epea (Environmental Protection Encouragement Agency).

Eine Kreislaufwirtschaft kann somit Wirtschaftswachstum erreichen, ohne dass die Nutzung bzw. Abbau natürlicher Ressourcen ständig gesteigert werden muss, um die Wertschöpfungskette anzukurbeln. Mit geeigneten rechtlichen Rahmenbedingungen – z.B. der Forderung nach vollständiger Internalisierung externer Effekte durch Anreize für entsprechende Anstrengungen und parallel dazu mit Anreizen für die Umsetzung nachhaltiger Betriebsabläufe - könnte die Transformation zu einer zirkuläre Wertschöpfungskette gefördert werden.


Teil 2 – Kreislauf und Nachhaltige Entwicklung

Das in den letzten Jahrzehnten zunehmende soziale und ökologische Bewusstsein hat das lineare Wirtschaftssystem zwar verbessert, indem versucht wird, die Externalitäten durch Verschärfung der rechtlichen Wirtschaftsrahmen zu internalisieren. Beispielsweise haben Unternehmen als zentrale wirtschaftliche Elemente der Wertschöpfungskette aus Compliance-Gründen strenge Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltstandards in ihre Geschäftsprozesse eingeführt. Auch Nachhaltigkeitsaspekte haben sie dazu veranlasst, die soziale und ökologische Leistung ihres Unternehmens zu erfassen, zu bewerten und darüber zu berichten.

Global gesehen könnte erwartet werden, dass die UNO-Ziele der «Nachhaltigen Entwicklung» - sogenannte SDGs (Sustainable Development Goals) - ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Wirtschaftssysteme in Richtung Kreislaufwirtschaft leisten sollten. Bei den SDGs geht es aber insbesondre um die Reduktion des Wohlstandgefälles zwischen entwickelten und sich entwickelnden Staaten - unterentwickelte oder zusammengebrochene Staaten (‘failed States’).

Betrachtet man die 17 SDG-Ziele der UNO und deren Unterziele (vgl. SDG Definitionen), so kann man diese zu den drei Säulen der Nachhaltigkeit zuordnen - Wirtschaft/Gesellschaft/Umwelt. Selbstverständlich bestehen bei den meisten Zielen direkte Wechselwirkungen zwischen den Bereichen der drei Nachhaltigkeitssäulen. Für den Bereich ‘Umwelt’ kann das, wie folgt, zusammenfassend dargestellt werden:

Abbildung: Anzahl SDG-Unterziele, welche direkt mit dem Umweltbereich wechselwirken

In der Abbildung fällt sofort auf, dass SDG 12 ‘Konsum und Produktion’ eigentlich in den Umweltbereich verschoben werden sollte; alle 12 Unterziele wechselwirken direkt mit Umweltzielen. Auch bei SDG 11 ‘Städte und Siedlungen’ zeigt sich, dass die Mehrzahl seiner Unterziele direkte Auswirkungen auf die Umwelt haben. Beide SDGs haben jedoch auch einen sehr starken Bezug zur Wirtschaft, sodass die Art und Weise wie gewirtschaftet wird, bzw. welche wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gelten (wie beispielsweise mit Abfall umgegangen wird) das Erreichen dieser Ziele enorm beeinflussen.

Für eine Transformation des Wirtschaftssystems in eine Kreislaufwirtschaft dürfte also der Bereich Umwelt im Hinblick auf richtig gesetzte Anreizsysteme eine wesentliche Rolle spielen. Wie in Teil 1 angesprochen zeigt sich, dass beim Produzieren und Konsumieren (SDG 12) der Aspekt des Kreislaufs zentral ist; z.B. beim Produktedesign und einem sicheren anderweitigem Wiederverwenden der Produkteteile (statt dem Abfall zuzuführen) oder bei der Nahrungsmittelproduktion mit Minimierung der Verschwendung von Boden (Naturkapital) durch Erosion und Misswirtschaft.


Teil 3 - Kreislauf und Naturkapital

Anreizinstrumente zur Verbesserung der Qualität von Umweltkompartimenten (z.B. Boden und Gewässer) und zur Regeneration oder zum Aufbau natürlicher Ressourcen, beispielsweise durch eine Steigerung der Wirksamkeit von Ökosystemdienstleistungen, sollten zu einer Erhöhung des nutzbaren Naturkapitals führen. Eine Kreislaufwirtschaft mit Wertschöpfung aus Abfällen/Sekundärressourcen – schrittweise bis zurück zur Regeneration natürlicher Ressourcen – würde den Weg der Wirtschaftssysteme in eine nachhaltige Zukunft weisen – ohne dass Wirtschaftswachstum den Planeten gefährdet, beziehungsweise die Grundlagen für den Wohlstand der Menschheit erodiert.

Die Herausforderung ist jedoch den Elementen des Naturkapitals einen Wert zuzuweisen, als dass diese die zirkuläre Wertschöpfungskette bereichern können. Eine Monetarisierung von Naturkapital sowie der Leistungen zur Regeneration und/oder Aufbau von natürlichen Ressourcen wäre essenziell, um die Kreislaufwirtschaft zu vervollständigen.

Ein Monetarisieren von definierten Elementen des Naturkapitals kann jedoch nur erfolgreich sein, wenn international vereinbarte und „indikative“ Kennzahlen auf zertifizierte Weise angewendet werden können; – „indikativ“, weil sonst die Komplexität der Metriken zu schwierig zu verstehen und zu teuer wäre. Ein Beispiel für eine einfache indikative Metrik oder Parametrik ist das CO2 -Äquivalent zur Monetarisierung von Klimaschutzmassnahmen in Anlehnung an den Kohlenstoffmarkt. Indikative Kennzahlen für das Naturkapital müssten die regenerative Kraft der Natur durch Messung von Ökosystemdienstleistungen abbilden können und erlauben auch Anstrengungen zur Verbesserung dieser Leistungen zu monetarisieren bzw. zu vergüten. Zu diskutieren ist, ob die biologische Vielfalt als Parameter für den Zustand definierter Elemente des Naturkapitals und zur Quantifizierung gesunder und widerstandsfähiger Ökosysteme monetarisiert werden kann.

Eine Möglichkeit indikative Biodiversitäts-Kennzahlen herzuleiten, könnte auf der Analyse von in der Umwelt vorkommenden DNA-Fragmente basieren, d.h. Gensequenzen aus biologischen Systemen, welche über verschiedenste Prozesse in einem Ökosystem freigesetzt werden (Exkremente, Nahrungsreste, Häutungsreste, Pflanzenreste, Pollen und vieles mehr). Solche in der Umwelt gemessenen DNA-Fragmente werden als e-DNA (environmental DNA) bezeichnet. Analysen zeigten, dass nur gerade 15% der Gensequenzen den Spezien einer beprobten Fläche oder eines Gewässers zugeordnet werden konnten (vgl. ETH-Anlass am WEF 2024).

Eine effektive Biodiversität über e-DNA messen zu können ist somit sehr anspruchsvoll. Hingegen könnte eine relative Biodiversität über die Vielfalt vorkommender Fragmente an einem gegebenen Ort im Vergleich zu einem anderen bestimmt werden. Dabei würden deren Gensequenzen mittels unspezifischer Analyse (non-target analysis) auf statistische Weise Muster erkennen lassen (pattern analysis). Diese Muster könnten Anhaltspunkte über den relativen Zustand eines Bodens oder Naturfläche als zu bestimmendes Element des Naturkapitals einer Region liefern. Eine Wasserprobe aus der Flächenentwässerung einer nachhaltig bewirtschafteten Agrarfläche, einer Monokultur, oder eine Naturausgleichsfläche, eines Nutzwaldes oder abgebrannten Waldes, etc. würden unterschiedliche Muster aufzeigen. Über statistische Methoden und genügend vorliegenden Daten (Musterdatenbank) könnte eine Art ‘Biodiversitätsindexes’ oder ‘Zustandsindex für Naturkapital’ abgeleitet werden. Würde eine solche Kennzahl international anerkannt, könnte ein regional gegebenes Naturkapital qualifiziert und quantifiziert, und damit einer Monetarisierung zugeführt werden.

Das Inventarisieren der verschiedenen Elemente des Naturkapitals mittels ‘Zustandsindex’ und dessen Monetarisierung über Anreizsysteme (z.B. markt-basierte Instrumente) würden direkte monetäre Erträge aus Investitionen in die Umwelt und das Naturkapital ermöglichen. Damit würde der letzte Schritt einer zirkulären Wertschöpfungskette bereichert, insofern als dass der unvermeidliche Verbrauch natürlicher Ressourcen über Massnahmen zu deren Regeneration und Aufbau ausgeglichen und so neues Naturkapital generiert würde.


Marco Semadeni, Dr. Sc. nat. ETH

31.01.2024